Was mir heilig ist – Segen und Spiritualität | Werner Gross

April 17, 20268 min read

Segen ist die Fähigkeit etwas zu geben, das man selbst gar nicht hat

Was ist eigentlich heilig? Diese Frage begleitet die Menschheit von Anfang an. Gibt es „das Heilige" als objektives Faktum – heilige Orte, heilige Rituale, heilige Menschen? Oder ist heilig immer nur ein subjektives Erleben, das in der Seele des Einzelnen entsteht? In diesem Text gehe ich diesen Fragen nach und beleuchte, was Heiligkeit, Segen und Wunder wirklich bedeuten.

Was bedeutet „heilig" im alltäglichen Leben?

„Das ist mir heilig" – diese Aussage bedeutet in unserer Alltagssprache, dass mir etwas sehr wichtig und wertvoll ist, etwas, das ich nicht verlieren möchte. In allen Religionen gibt es Dinge, Orte und Personen, die den Gläubigen heilig sind. Christen nennen die Bibel „Heilige Schrift" und Katholiken den Papst „Heiligen Vater". Im Katholizismus werden Menschen nach einem festgelegten Ritus erst seliggesprochen und dann heiliggesprochen – wobei nur der Papst diese Entscheidung treffen darf. Danach kann man zu diesen Heiligen beten, damit sie bei Gott ein gutes Wort für die Gläubigen einlegen mögen.

Im religiösen Sinn bedeutet das Wort „heilig", nah bei Gott zu sein. Man bewegt sich dann in der Sphäre des Göttlichen, des Vollkommenen oder Absoluten – es handelt sich dabei um etwas Erhabenes, Bedeutsames und Ehrfurchtgebietendes.

Interessanterweise steckt im Wort heilig auch der Begriff „heil", was „gesund", „ganz" oder „unversehrt" bedeutet. Das Wort geht wahrscheinlich auf den althochdeutschen Begriff „heilag" zurück, was „günstiges Vorzeichen", „Zauber" oder „Glück" bedeutet. In der Bibel finden sich zahlreiche Segensprüche, die diese positive Seite des „heil seins" betonen: „Gott gebe Dir, was Dein Herz begehrt und erfülle alles, was Du Dir vornimmst."

Die Sehnsucht nach dem Heiligen

Im Laufe der menschlichen Entwicklung hatten fast alle Kulturen Personen, Orte, Gegenstände oder Verhaltensweisen, die besonders wertvoll oder „heilig" waren. Dazu zählten Rituale wie Anrufungen, Gesänge, Gebete, Meditationen und Gottesdienste – Rituale, die man als sakral erlebte und bezeichnete.

In irgendeiner Form wurde in den meisten Kulturen zwischen dem heiligen (sakralen) und dem profanen (weltlichen) Bereich unterschieden. Das Heilige gehörte meist einer anderen Welt an – dem Jenseits oder der Geister- und Götterwelt – und war nicht einfach für jeden direkt zugänglich. Der Zugang war besonders geachteten Menschen vorbehalten: Schamanen, Sehern, Medizinmännern, Priestern. Sie waren die Verbindung (der "channel" oder Kanal) und damit die Kontaktpersonen in diese andere Welt der Geister und Götter.

Mithilfe dieser sakralisierten Personen und bestimmter Rituale konnte man Hilfen aus der „Anderwelt" erbitten und Botschaften empfangen. Diese Priester waren auch die Torwächter dieser geistigen Welt – mit hervorgehobener Rolle und oft als Ratgeber der Mächtigen. Und das ist in vielen Kulturen bis heute so und macht auch heute noch den Einfluss der Priester aus.

Zum Nachdenken: Was ist für Sie heilig, wertvoll, ehrfurchtgebietend? Gibt es dafür Symbole in Ihrem Leben?

Heiligkeit als intrapsychisches Phänomen

Die meisten Menschen brauchen etwas Bedeutsames, Wertvol­les und „Heiliges" in ihrem Leben. Das kann sich festmachen an einer idealistischen Lebensvorstellung – manche nennen es „Überbewusstsein", „höheres Selbst" oder „Ideal-Ich". Damit verbunden ist oft ein Gefühl von Ehrfurcht, Ergriffensein und Erhabenheit dieser höheren Kraft gegenüber.

Daraus kann sich ein ganzes Lebensziel entwickeln, das man mehr oder weniger bewusst anstrebt – „in der Nachfolge von Jesus Christus zu leben" oder „sein Apostel sein". Das kann auch ein ganz weltliches Ziel sein – mehr Gerechtigkeit oder Solidarität – oder eben im spirituell-religiösen Bereich etwas Heiliges, für das man bereit ist, Opfer zu bringen. Wenn dieses Ziel hochgradig emotional besetzt ist, kann eine Person im Extremfall dafür bereit sein, vielleicht sogar ihr Leben zu opfern.

Hier die zentrale Erkenntnis: Das Heilige ist kein Ding an sich, sondern es entsteht erst im Kopf des Betreffenden.

Heiligkeit ist vor allem ein intrapsychisches Phänomen – eine innere, subjektive Bewertung, die eine Person, einen Ort oder einen Gegenstand heilig macht. Das entsteht im Herzen und im Kopf eines Menschen – nicht in der äußeren Realität. Es sind nicht die äußeren Gegebenheiten selbst, sondern diese sind nur die Projektionsfläche der innerlich als heilig interpretierten Haltung.

Segen: Unterstützung und Wunsch

„Du bist ein Segen für mich" heißt in der Umgangssprache, dass mich jemand unterstützt, mir hilft und zur Seite steht, wenn es mir schlecht geht oder ich in Not bin. Segen ist Trost und Unterstützung, macht Mut und gibt Rückendeckung. Segen ist Wunsch und Hilfe, dass etwas gut ausgeht – das trifft für den profanen Alltag genauso zu wie für das religiöse Leben.

Sprachlich wird „Segen" interessanterweise auf verschiedene Wurzeln zurückgeführt: Einige Theologen sehen das deutsche Wort als Ableitung des lateinischen „Signum" (Zeichen) – wenn wir gesegnet werden, gibt uns Gott ein positives Zeichen. Andere beziehen sich eher auf das lateinische „benedicere": „bene" heißt gut und „dicere" sagen. Segen heißt danach „Gutes sagen" oder „Gutes wünschen".

In der Bibel wird Segen so verstanden, dass der Segnende seinen Gott bittet, dem Segenempfangenden etwas Gutes zu tun, sich um ihn zu kümmern oder ihn zu beschützen. So gesehen ist ein Segen ein Appell der Gläubigen an Gott: Hilf ihm doch bitte, unterstütze ihn.

Segensarten und Sakramente

Es gibt eine Vielzahl von Segensarten – vom päpstlichen Groß-Segen „urbi et orbi", der auf die ganze Welt abzielt, über Segnungen in Politik und Gesellschaft bis zu guten Wünschen im Privatleben, bezogen auf Eheschließungen, Berufswahl und Kindererziehung.

Es gibt verschiedene Weisen, wie gesegnet wird – mit erhobenen Armen und offenen Händen, die Hände auf den Kopf des Segensempfängers, Kreuzzeichen auf die Stirn. Und es gibt eine unendliche Zahl von Segenssprüchen. Einer der bekanntesten ist: „Der Herr segne und behüte Dich. Er lasse sein Angesicht leuchten über Dir und sei Dir gnädig und gebe Dir Frieden."

Christen sagen: Im Segen steckt die Kraft Gottes. So haben Segnungshandlungen nicht nur in Gottesdiensten ihren festen Platz, sondern auch in den diversen Umbruchphasen des Lebens: Berufswahl, Eheschließung, Taufe der eigenen Kinder, Krankheiten und Sterben. Für Gläubige bedeutet Segen die Wegbegleitung durch Gott. Dafür gibt es bei den Katholiken die sieben Sakramente.

Sakramente gelten als sichtbare Zeichen der Gnade Gottes. Nach Auffassung des Katholizismus handelt Gott selbst durch die Sakramente und schenkt den Gläubigen ein irdisches Zeichen. Die sieben Sakramente der Katholiken sind: Taufe, Firmung/Konfirmation, Ehe, Eucharistie/Priesterweihe/Abendmahl, Beichte, Krankensalbung/Letzte Ölung und Weihe.

Die evangelische Kirche kennt nur zwei Sakramente: Taufe und Abendmahl.

Eine besondere Form des Segens ist die Weihe – das Versehen bestimmter Orte, Gebäude oder Gegenstände mit einem Segen. Ab der Weihe handelt es sich im Erleben der Gläubigen um besonders spirituell aufgeladene Objekte, die auch nicht mehr „profan missbraucht" werden sollten.

Kann jeder segnen?

Die Frage „Kann jeder segnen?" spaltet die Fachleute – vor allem die Deutschen, die ja gerne für alles Regeln haben. Der große Segen ist innerhalb der Kirchen meist den ausgebildeten Priestern vorbehalten. Nach der „Rahmenordnung für die Zusammenarbeit von Priestern, Diakonen und Laien im Bereich der Liturgie" kann aber jeder den „kleinen Segen" geben, der darauf vertraut, dass Gott segnet und begleitet.

Die natürliche Anschlussfrage lautet: Was ist der Unterschied zwischen einem großen und einem kleinen Segen? So wie die Schönheit im Auge des Betrachters entsteht, hängt es wahrscheinlich vor allem davon ab, was der oder die Segenempfangenden darüber denken und fühlen.

Inzwischen gibt es sogar segenspendende Computerprogramme, die in diversen Gerätschaften ihren Segen verstreuen. Man kann sich damit vorstellen, dass inzwischen jeder als ganztägige religiöse Begleitung mit digitalen Tools Segensworte und Gebete zu verschiedenen Anlässen abrufen kann – inklusive Bibelsprüchen für Taufe, Trauung, Konfirmation und Zeiten der Trauer. Ein regelrechter „Deus ex machina" (Gott aus der Maschine).

Wunder – zwischen Hoffnung und Realität

Sei Realist – glaube an Wunder. (Revoluzzer-Spruch)

In den derzeitigen Krisenzeiten sind Wunder sehr gefragt – nicht nur im religiösen Bereich. Das Dumme ist: Auf Wunder kann man sich nicht verlassen. Man kann sie sich wünschen, aber man kann sie nirgendwo bestellen. Sie sind meist einmalig und gehen nur selten in Serie.

Man könnte auch fragen: Wenn es Wunder gibt – warum ist der liebe Gott mit Wundern so sparsam? Und vor allem – warum zeigt er sie immer den falschen Leuten?

Die Grundfrage lautet: Gibt es so etwas wie Wunder überhaupt – und was versteht man darunter?

Wunder sind Ereignisse, die Verwunderung und Erstaunen auslösen, weil etwas Unvorhergesehenes passiert. Das Zustandekommen kann man sich meist nicht erklären. Sie sind merkwürdig, großartig und erstaunlich, sind einfach nicht plausibel und entsprechen nicht den Erwartungen, sondern widersprechen vielleicht sogar den Naturgesetzen. Der Philosoph David Hume sprach schon im 18. Jahrhundert nur dann von einem Wunder, wenn dadurch Naturgesetze außer Kraft gesetzt oder verletzt werden.

Nach religiöser Auffassung sind die als Wunder bezeichneten außergewöhnlichen Ereignisse auf das Einwirken Gottes zurückzuführen – der sich, so die Ansicht der Gläubigen, nicht an Naturgesetze halten muss. Die Bibel ist voller Wunder: Heilungswunder, Rettungswunder, Essensvermehrungswunder, Auferstehung von den Toten und vieles mehr.

Statistisch interessant: Ungefähr die Hälfte der Bevölkerung glaubt an Wunder. Religiöse Menschen tun dies allerdings etwas häufiger – nach Studien glauben Katholiken zu 64%, Protestanten sogar zu 66% an Wunder. Aber auch 43% der Konfessionslosen halten Wunder für möglich.

Für Kinder sind viele Dinge, die es auf der Welt gibt, noch Wunder. Je erwachsener sie werden, umso weniger beeindrucken sie noch Dinge, die sie früher einmal Wunder nannten. Ein kluger Mensch hat gesagt: Wunder gibt es nur für Leute, die noch nicht verstehen.

Zum Nachdenken: Können Sie sich noch richtig wundern? Versuchen Sie, einfach einmal etwas wahrzuzunehmen, ohne es gleich in Worte zu fassen. Dann erleben Sie vielleicht schon ein kleines Wunder …

Skeptiker würden sagen: Es wäre ein Wunder, wenn es Wunder gäbe.

Den Augenblick genießen

Mit oder ohne Segen und Wunder ist es sicher eine wichtige Fähigkeit, den Augenblick zu genießen – und von mir aus auch zu segnen. Aber wenn man es etwas runterbricht und das ganze spirituelle Brimborium weglässt, kann man sagen: Alle ernsthaft gemeinten guten Wünsche sind ein Segen – mit oder ohne den lieben Gott.

Lassen Sie mich mit diesem zeitlosen Text enden:

"Gott gebe mir die Gelassenheit, die Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,

den Mut, die Dinge zu ändern, die ich ändern kann,

und die Weisheit das eine vom anderen zu unterscheiden.

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Dipl.-Psych. Werner Gross ist Psychologischer Psychotherapeut, Supervisor, Coach, Dozent und Lehrtherapeut, Unternehmensberater sowie Buchautor. Er leitet seit vielen Jahren eine psychologische Praxis in Gelnhausen und führt seit über 30 Jahren Existenzgründungsseminare für Psychotherapeut:innen durch. Lehrbeauftragter an verschiedenen Universitäten und Psychotherapie-Ausbildungsinstituten.

Werner Gross

Dipl.-Psych. Werner Gross ist Psychologischer Psychotherapeut, Supervisor, Coach, Dozent und Lehrtherapeut, Unternehmensberater sowie Buchautor. Er leitet seit vielen Jahren eine psychologische Praxis in Gelnhausen und führt seit über 30 Jahren Existenzgründungsseminare für Psychotherapeut:innen durch. Lehrbeauftragter an verschiedenen Universitäten und Psychotherapie-Ausbildungsinstituten.

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