
Stirbst du, wie du lebst? | Werner Gross – Psychotherapeut & Autor
Über Endlichkeit, Lebensstil und die verblüffende Gemeinsamkeit, die Freud, Jung und Adler im Sterben verbindet
Es war ein für einen Mai ungewöhnlich heißer Sonntag. Wir lagen auf einer Wiese in der Nähe eines kleinen Dorfes im hessischen Vogelsberg. Die Bienen summten, die Schmetterlinge flatterten, das Bächlein gluckerte idyllisch. Wir hatten gerade ein kleines Picknick hinter uns, dösten in der Sonne vor uns hin — als meine Partnerin sagte: „Du hast da einen merkwürdig unregelmäßigen Leberfleck auf deinem Rücken. Das sollte sich mal ein Arzt ansehen."
Ich dachte mir zunächst nichts dabei. Meine Partnerin reagierte allzu oft hypersensibel auf kleine Veränderungen. Aber irgend etwas ließ mich nicht in Ruhe.
Ein paar Tage später saß ich beim Hautarzt. Als er bedenklich den Kopf hin- und her wiegte und sagte: „Das sieht wirklich nicht gut aus. Das müssen wir einschicken" — da war ich wie vor den Kopf geschlagen. In der Woche, bis das Ergebnis aus dem Labor kam, geriet mein inneres Karussell ins Trudeln. Nachts wachte ich schweißgebadet auf. Absurde Träume. Krankheitsverläufe, Operationen, Beerdigungen.
Krankheit und Tod waren plötzlich nicht mehr nur etwas für die anderen — für meine Patienten. Es war meins. Die eigene traumwandlerische Sicherheit, das Gefühl der Unverletzlichkeit war plötzlich verschwunden. Mir war, als hätte ein Bumerang gegen meinen Hinterkopf geknallt und ich hätte eine leichte Gehirnerschütterung. Es war wie ein unerwartetes Rendezvous mit meinem Schicksal.
Ich hatte meine Ausbildung zum Psychotherapeuten da schon seit einiger Zeit abgeschlossen. Krankheit, Sterben und Tod waren natürlich auch Themen in meiner Selbsterfahrung und Selbstanalyse gewesen — aber das hatte plötzlich eine ganz andere Intensität bekommen. Es war so, als hätte ich jahrelang theoretische Konzepte über das Schwimmen gelernt und im Trockenschwimmen ausgiebig geübt — und wäre nun durch dieses Erlebnis einfach ins Wasser geschubst worden. Und musste sehen, wie ich den Kopf wieder über die Wasserkante bekomme.
Aus dieser Erschütterung ist über viele Jahre eine intensive Forschungsarbeit geworden. Und eine Frage, die mich seitdem nicht mehr losgelassen hat.
Die Frage, die alles verändert: Stirbt man so, wie man gelebt hat?
Entfaltet sich im Sterben, wie man gelebt hat — was man gefühlt, gedacht, getan hat? Oder ist es vielleicht umgekehrt: Ist der Lebenslauf unbewusst ausgerichtet auf das Sterben, hat er ein (mehr oder weniger bewusstes) Ziel?
Diese Fragen klingen zunächst philosophisch. Aber für mich wurden sie sehr konkret, als ich anfing, das Leben und Sterben der großen Psychotherapeuten zu studieren — Menschen, die das menschliche Innenleben wie kaum jemand sonst erforscht haben. Freud, Jung, Adler — aber auch Moreno, Perls, Reich, Graf Dürckheim, Peseschkian.
Und dann kommt der Tod. Auch für sie. Was dabei auffällt, ist verblüffend. Ihr Sterben ist eine Fortschreibung ihres bis dahin gelebten Lebens. Es passt zu der jeweiligen Person — und oft auch zu der psychotherapeutischen Methode, die sie entwickelt haben. Die Grundmuster des Lebens setzen sich fort — bis in den Tod hinein.
Was das Sterben der großen Psychotherapeuten verrät
Ich habe für dieses Buch nicht nur Biographien studiert. Ich habe, wo es möglich war, persönliche Interviews geführt — mit den Kindern und engsten Schülern der hier vorgestellten Therapeuten. Mit Alexandra und Kurt Adler, den Kindern von Alfred Adler aus New York. Mit Marie-Louise von Franz, der direkten Schülerin C.G. Jungs, am Zürichsee in Küsnacht. Mit Graf Dürckheim persönlich in Todtmoos-Rütte. Mit Hamid Peseschkian, dem Sohn von Nossrat Peseschkian. Und mit Gretel Leutz, direkter Schülerin von Jacob L. Moreno und Leiterin des Moreno-Instituts Überlingen.
Was ich dabei gehört und verstanden habe, hat mein Bild von Leben, Sterben und Psychotherapie grundlegend verändert.
Sigmund Freud — Kontrolliert bis zum letzten Atemzug
Freud, der strenge, ernste, zusammengenommene Vater der Psychoanalyse, wählte einen langen, leiderfüllten, morphiumsedierten Weg in den Tod. Bis zuletzt bei Bewusstsein. Kein Wegsehen, kein Aufgeben — durchhalten, auch wenn es schmerzt. Sein Sterben war so, wie sein Leben war: ernst und zusammengenommen. Bemerkenswert dabei: Ausgerechnet Freud erkrankte an Rachenkrebs — und verlor damit das, was er ein Leben lang am meisten eingesetzt hatte. Seine Stimme. Seine Sprache. Seine Worte. Und postulierte kurz darauf ein neues Konzept: die "Destrudo", den Todestrieb, als Gegenpol zur Lebensenergie, der "Libido". Zufall? Ich glaube nicht.
Alfred Adler — Mitten im Leben, mitten im Tod
Adler war das genaue Gegenteil von Freud. Lebenslustig, volksverbunden, fast hektisch reisend — der Begründer der Individualpsychologie liebte den Kontakt mit Menschen, die Energie der Begegnung, das Leben in Bewegung. Sein Tod passte dazu wie kaum etwas anderes es hätte tun können: Er erlag völlig unerwartet und ohne langen Todeskampf einem Herzinfarkt — plötzlich, ohne Vorwarnung. Er starb, wie er gelebt hatte: im vollen Tempo, unterwegs, mitten im Leben. Seine Kinder Alexandra und Kurt bestätigten mir: Ihr Vater hätte es nicht anders haben wollen.
Carl Gustav Jung — Neugierig auf das nächste Abenteuer
Jung war sein Leben lang fasziniert von Mysterien — von Träumen, Archetypen, dem kollektiven Unbewussten, von Tod und Jenseitsvorstellungen. Er fürchtete den Tod nicht. Er betrachtete ihn als ein weiteres, vielleicht das bedeutendste Abenteuer des Bewusstseins. Seit einem schweren Unfall und Nahtoderlebnissen hatte er sich — wie er selbst beschrieb — fast 17 Jahre innerlich auf seinen Tod vorbereitet. Marie-Louise von Franz, seine engste Schülerin, beschrieb seinen Tod als das, was er immer erwartet hatte: eine Fortsetzung, nicht ein Abbruch. Jung verabschiedete sich mit Hoffnung auf ein interessantes Abenteuer — so wie er gelebt hatte: voller Neugier auf das, was kommt.
Fritz Perls — Trotzig bis zur letzten Sekunde
Perls lebte nach einem einzigen Grundsatz: Hier und Jetzt. Keine Anpassung an Erwartungen, keine Rücksicht auf Konventionen. Als er im Sterben lag und die Krankenschwester ihm vernünftige, medizinisch notwendige Anweisungen gab, verweigerte er sie. Nicht aus Unwissenheit — aus Widerstand. Man muss das nicht gut finden. Aber man muss anerkennen: Fritz Perls blieb sich treu bis zur letzten Sekunde.
Jacob Moreno — Das letzte Psychodrama
Moreno war der Mann der Bühne, der Inszenierung, der Begegnung. Als er merkte, dass seine Zeit ablief, legte er sich ins Bett, ließ seine Schüler und Weggefährten noch einmal an ihm vorbeiziehen — ein letztes Abschiednehmen auf der Bühne seines Lebens. Dann nahm er keine Nahrung mehr zu sich. Gretel Leutz, seine direkte Schülerin, war tief bewegt davon, wie sehr dieser Tod sein gesamtes Lebenswerk spiegelte.
Nossrat Peseschkian — Sanft, leicht, im Schlaf
Peseschkian, der transkulturelle Brückenbauer zwischen Ost und West — mit ihm hatte ich selbst fast zehn Jahre persönlichen Kontakt. Eine Begegnung, die mich so beeindruckte, dass ich schließlich auch die Ausbildung zum Positiven Psychotherapeuten abschloss. Sein Sohn Hamid beschrieb den Tod seines Vaters einfach und treffend: Er hat das Leben leicht genommen — und sich (wohl ohne Schmerzen) sanft in den Tod hinübergeschlafen. Ein Tod wie ein letztes Lächeln.
Warum wir den Tod so gerne verdrängen
Sterben und Tod sind bis heute eines der am meisten verdrängten Themen in unserer Gesellschaft. Zu keiner Zeit hat man größere Anstrengungen unternommen, das Leben zu verlängern, dem Sterben aus dem Wege zu gehen. Und dennoch: Er kommt. Der Tod ist der große Gleichmacher. Er holt uns alle — die Armen und die Reichen, die Klugen und die Dummen, die Mächtigen und die Ohnmächtigen.
Dabei ist es gerade die Verleugnung unserer Endlichkeit, die — zumindest zum Teil — dafür verantwortlich ist, dass viele Menschen ein leeres, sinnloses Leben führen. Weil sie so leben, als würde es in Ewigkeit so weitergehen. Als wäre Zeit eine unerschöpfliche Ressource. Als käme der Abschied nie.
Ein Palliativ-Arzt sagte mir einmal: „Da es den Tod nun einmal gibt, ist es wichtig, den Umgang mit ihm zu pflegen. Man sollte nicht glauben, das Leben könnte den Tod beseitigen.“ Und George Bernard Shaw schrieb: „Versuche nicht ewig zu leben, es wird dir nicht gelingen.“
Der Tod ist keine Panne. Keine Havarie. Er ist lebensimmanent — die letzte Stufe der Reife, wenn wir verstehen, ihn so anzusehen.
Drei Arten von Alter — und nur eine liegt in unserer Hand
Sterblichkeit beginnt nicht erst am Lebensende. Sie beginnt mit dem Altern. Und da lohnt es sich, genauer hinzuschauen — denn es gibt nicht nur eine Art, alt zu werden.
Das kalendarische Alter lässt sich nicht verändern. Jeder Tag hat 24 Stunden, für jeden gleich. Die Frage ist nur, ob man die Zeit bewusst nutzt — oder sich einem sinnlosen Trott hingibt.
Das biologische Alter hängt davon ab, wie gut unsere Organe, Gelenke und Sinne sind — teils genetisch bestimmt, teils durch unseren Lebensstil geprägt. Für welche Sünden zahlt man im späteren Alter?
Das psychologische Alter ist das flexibelste von allen. „Man ist so jung, wie man sich fühlt“ ist keine leere Phrase — es ist Psychologie. Solange man neugierig bleibt, ist man jung, zumindest im Kopf. Wann haben Sie das letzte Mal etwas zum ersten Mal gemacht?
Es ist schwer das Leben leicht zu nehmen. Aber es ist leicht das Leben schwer zu nehmen.
Die Frage, die am Ende wirklich zählt
Auf seinem Totenbett soll Plato — als ein Freund ihn bat, sein Lebenswerk in einem Satz zusammenzufassen — gesagt haben: „Übe Sterben.“
Man könnte das für zynisch halten. Ich halte es für ehrlich. Und für eines der tiefsten Dinge, die je über das Leben gesagt wurden.
Die Auseinandersetzung mit dem Tod ist keine morbide Beschäftigung. Sie ist, wenn man sie ernst nimmt, eine der aufschlussreichsten Übungen, die man sich selbst zumuten kann. Wer sich fragt, wie er sterben möchte, fragt sich letztlich: Wie will ich eigentlich leben? Was ist mir wirklich wichtig? Was ist Ballast geworden?
In meiner therapeutischen Arbeit gebe ich Patienten manchmal eine einzige Frage mit — nur eine, für die nächste Sitzung: Was würden Sie tun, wenn Sie nur noch ein Jahr zu leben hätten? Die Antworten sind immer aufschlussreich. Fast nie geht es um Karriere, Geld oder Status. Fast immer geht es um Beziehungen, die repariert werden müssten. Um Dinge, die schon zu lange aufgeschoben wurden. Um Menschen, denen man noch etwas sagen wollte.
Die Endlichkeit ist kein Feind. Sie ist unser ehrlichster Ratgeber.
Wichtiger als die Frage, ob es ein Leben nach dem Tod gibt, ist die Frage, ob es ein Leben vor dem Tod gibt.
