Glaube, Zweifel und die Illusion der einen Wahrheit

Glaube, Zweifel und die Illusion der einen Wahrheit

January 10, 20264 min read

Von der Wirklichkeit und den Wahrheiten

„Du bist näher bei Gott, wenn Du eine Frage stellst, als wenn Du eine Antwort gibst.“ Dieser alte jüdische Satz ist provokant, aber er trifft den Kern dessen, was wir heute besprechen wollen.

In einer Welt, die oft nach Eindeutigkeit schreit, haben wir verlernt, den Zweifel als Ressource zu nutzen. Besonders wenn es um Religion und Spiritualität geht, tappen wir schnell in die Falle: Gehen wir im Glauben auf oder gehen wir im Glauben unter?

Um das zu beantworten, müssen wir uns erst einmal einer fundamentalen Unterscheidung widmen, die wir im Alltag oft vergessen: Den Unterschied zwischen dem, was wirklich ist, und dem, was wahr ist.

Wirklichkeit vs. Wahrheit

Wir verwenden diese Begriffe oft synonym, doch psychologisch und philosophisch sind sie grundverschieden. Hermann Hesse hat es wunderbar auf den Punkt gebracht:

„Es gibt die Wirklichkeit, und an ihr ist nicht zu rütteln. Wahrheiten aber, nämlich in Worten ausgedrückte Meinungen über das Wirkliche, gibt es unzählige.“

Wirklichkeit ist das, was wirkt. Das „An-sich-Seiende“. Der Mond ist da, auch wenn keiner hinschaut. Wahrheit hingegen ist unser Versuch, diese Wirklichkeit zu interpretieren.

Das Problem? Wir nehmen die Welt nicht objektiv wahr. Wie der Systemiker Paul Watzlawick sagte, ist die Wirklichkeit oft das Ergebnis von Kommunikation. Wir konstruieren uns unsere Welt. Jeder Mensch hat sein eigenes Welterklärungssystem – sei es religiös, wissenschaftlich oder esoterisch. Gefährlich wird es erst dann, wenn jemand glaubt: „Meine Wirklichkeit ist die einzig wirkliche Wirklichkeit.“

Die drei Arten der Wahrheit

Wenn wir uns Religionen anschauen, müssen wir verstehen, mit welcher Art von Wahrheit wir es zu tun haben. In meinem Buch „Meinetwegen – nenn es Gott“ unterscheide ich drei Kategorien:

  1. Subjektive Wahrheiten: Das ist das, was ich ganz persönlich für wahr halte, also meine innere Überzeugung.

  2. Objektive Wahrheiten: Das, was messbar, sichtbar und beweisbar ist (z. B. durch Kameras oder wissenschaftliche Instrumente).

  3. Interpersonale Wahrheiten: Das ist der spannende Bereich für Religionen. Es ist das, worauf sich eine Gruppe - zum Beispiel eine Religionsgemeinschaft - geeinigt hat, dass es wahr sei.

Das Missverständnis der Religionen Der Konflikt zwischen Glaube und Vernunft entsteht oft genau hier: Institutionalisierte Religion tut oft so, als verkünde sie objektive Wahrheit(en). Tatsächlich handelt es sich aber fast immer um interpersonale Wahrheit.

Für den Gläubigen ist diese Wahrheit real und nützlich – sie gibt Halt. Für den Ungläubigen ist sie eine Illusion. Doch wie Friedrich Nietzsche schon sagte: „Die Wahrheit ist eine Illusion, ohne die eine gewisse Spezies nicht überleben könnte.“

Glaube und Zweifel: Ein notwendiges Spannungsfeld

„Glaube ist ein Ärgernis der Vernunft“, soll Apostel Paulus gesagt haben. Und tatsächlich: Wenn Erkenntnis dem Glauben untergeordnet wird („Das kann nicht sein, weil es nicht sein darf“), verlassen wir den Boden der Realität.

Ein amüsantes, aber auch erschreckendes Beispiel für „religiöse Fakten“ ist James Usher. Der hoch angesehene anglikanische Theologe errechnete im 17. Jahrhundert anhand der Bibel, dass Gott die Welt exakt am 23. Oktober 4004 v. Chr. morgens um 8 Uhr erschaffen haben muss. Kann das wahr sein? Objektiv: Nein. Interpersonal für seine damalige Gemeinde: Ja.

Aber genau so entstehen aus Glaubensgewissheiten Dogmen. Ein Dogma entsteht langsam und braucht seine Zeit, bis es als unzweifelhafte Wahrheit in einer religiösen Gemeinschaft nicht mehr in Frage gestellt werden darf. Dabei gibt es in den meisten Religionen einen heftigen Streit darüber welches Dogma nun wahr ist und geglaubt werden muss - und was nicht. Einer meiner Patienten hat es auf ein Punkt gebracht, als er sagte: "Dogmen sind was für Doofe".

Mein Fazit für heute: Wir wissen im Grunde sehr wenig. Der Physiker Werner Heisenberg mahnte uns, dass nur wenige wissen, wie viel man wissen muss, um zu verstehen, wie wenig man eigentlich weiß.

Anstatt uns an starren Dogmen festzuklammern, sollten wir den Zweifel zulassen. Philosophie geht im Gegensatz zur Religion von der Gleichberechtigung von Gut und Böse aus und zieht immer in Erwägung, dass man sich irren könnte. Vielleicht ist genau das der gesündere Weg im Umgang mit dem Glauben: Weniger „Ich weiß es ganz genau“ und mehr „Was wäre, wenn?“.

Glaubst du noch – oder weißt du schon?

Zum Weiterlesen: Dieser Text ist ein Auszug und eine Bearbeitung aus dem Buch „Meinetwegen – nenn es Gott“ von Werner Gross (Springer Verlag). Mehr Gedanken zu Glauben, Psychologie und den großen Fragen finden Sie im Kapitel 3: Glaube und Zweifel (S. 27–31).

Dipl.-Psych. Werner Gross ist Psychologischer Psychotherapeut, Supervisor, Coach, Dozent und Lehrtherapeut, Unternehmensberater sowie Buchautor. Er leitet seit vielen Jahren eine psychologische Praxis in Gelnhausen und führt seit über 30 Jahren Existenzgründungsseminare für Psychotherapeut:innen durch. Lehrbeauftragter an verschiedenen Universitäten und Psychotherapie-Ausbildungsinstituten.

Werner Gross

Dipl.-Psych. Werner Gross ist Psychologischer Psychotherapeut, Supervisor, Coach, Dozent und Lehrtherapeut, Unternehmensberater sowie Buchautor. Er leitet seit vielen Jahren eine psychologische Praxis in Gelnhausen und führt seit über 30 Jahren Existenzgründungsseminare für Psychotherapeut:innen durch. Lehrbeauftragter an verschiedenen Universitäten und Psychotherapie-Ausbildungsinstituten.

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