
Wie die Religionen entstanden sind – von der Steinzeit bis heute
Die vergangenen Götter: Wie die Religionen entstanden – von der Steinzeit bis heute
Ein evolutionspsychologischer Blick auf die Entstehung von Gott und Göttern
Woher kamen die Götter?
„Gott schläft in den Steinen,
atmet in den Pflanzen,
träumt in den Tieren
und erwacht im Menschen."
Diese alte spirituelle Weisheit führt uns direkt zur zentralen Frage dieses Artikels: Wie kamen Menschen eigentlich dazu, sich Gott und Götter auszudenken?
Im Laufe der Entwicklungsgeschichte des Menschen haben alle menschlichen Gesellschaften Gottesvorstellungen und religiöse Systeme entwickelt. Ist der Mensch also so etwas wie ein „Homo religiosus", der die Religion als Sinnsystem braucht?
Jedes Volk braucht und hat seine Legenden und Narrative, in denen sich auch die Schöpfungsmythen der Volksreligionen widerspiegeln. Diese wurden über viele Generationen erst mündlich weitergegeben und später irgendwann verschriftlicht, wodurch sie dann nicht selten der Gefahr unterlagen, zum nicht mehr hinterfragbaren Dogma zu werden.
Je weiter sich Religionen entwickelten, umso mehr entwickelte sich bei ihren Mitgliedern auch eine Art „Allmachtswahn": Die meisten Religionsführer glaubten, dass ihre Religion die einzig richtige sei und für alle Zeiten bis in Ewigkeit gelten würde. Bis dann eben die nächste Religion aufkommt …
Von den Anfängen: Gehirnentwicklung und Religion
Um zu verstehen, wie Religion entstand, müssen wir weit zurückgehen – bis zu den Anfängen der menschlichen Evolution.
Der lange Weg zum Homo sapiens
Der Urknall („big bang") ist vor etwa 14,8 Mrd. Jahren passiert. Es hat danach etwa 10 Mrd. Jahre gedauert, bis dann unsere Erde aus der im Weltall herumsausenden Materie entstanden ist (also vor ungefähr 4,4 Mrd. Jahren).
Wir reden hier über Zeitdimensionen, die unser Vorstellungsvermögen doch sehr strapazieren: Wer kann sich schon wirklich vorstellen, was Millionen oder gar Milliarden Jahre bedeuten – wo wir doch heutzutage eher in Sekunden, Minuten, Stunden, Tagen und Jahren denken?
Die Entwicklung der Hominiden:
Vor 8 Mio. Jahren: Die Entwicklungslinie des Menschen spaltet sich von der der Menschenaffen ab
Vor 4 Mio. Jahren: Australopithecus entsteht (Gehirnvolumen ca. 400 Kubikzentimeter, wie bei Schimpansen)
Vor 2,5–1,5 Mio. Jahren: Homo habilis und Homo rudolfensis (Gehirngröße ca. 700 cm³) konnten bereits erste Steinwerkzeuge herstellen
Vor 2 Mio. Jahren: Homo erectus (Gehirn: 1200 cm³) – ein regelrechter Entwicklungsschub
Vor 700.000–300.000 Jahren: Homo heidelbergensis (Gehirn: 1200–1400 cm³)
Vor 120.000–27.000 Jahren: Die Neandertaler (eine Parallelentwicklung zum Homo sapiens)
Wann fängt Religion an?
Wenn wir in der Entwicklungsgeschichte des Menschen zurückgehen, stellt sich die Frage: Wann fängt das Menschsein eigentlich an? Bis wohin waren wir vor allem tierisch und wann wurden wir Menschen?
Können Tiere religiös glauben?
Sicher können Tiere so etwas wie (Ur-)Vertrauen entwickeln. Aber hat das mit dem zu tun, was wir Menschen Religion nennen? Zumindest wohl nicht in unserem Sinn. Denn dazu bräuchte es wohl eine andere Hirnstruktur, Beschäftigung mit Zukunft und Vergangenheit und Sinnfragen, die Fähigkeit, Fantasien zu entwickeln und zu symbolisieren. Religion ist zum großen Teil sprachlich – Tiere denken, aber sicher nicht sprachlich.
Im Laufe der Entwicklungsgeschichte wurde das Gehirn der Gattung Homo immer größer, der Gang wurde aufrechter, die Affenähnlichkeit verschwand mehr und mehr, die Fingerfertigkeit wurde besser und erste sprachliche Kommunikationsformen entwickelten sich.
Glaube in der Steinzeit: Die Geburt der Götter
In der ganz frühen Zeit, während der die Menschen noch als jagende und sammelnde Nomadenhorden über die Erde zogen – immer den Beutetieren hinterher – ist über deren Vorstellungen von Göttern nur wenig bekannt.
Stellen Sie sich vor: Sie säßen im Winter in einer steinzeitlichen Höhle zusammen mit Ihrer Sippe. Draußen zieht ein heftiger Sturm auf und ein bitterkalter Winterwind wirbelt die Schneeflocken auf. Sie sind in der Höhle zusammen mit Ihrem Clan einigermaßen geschützt. Vor Ihnen flackert ein Lagerfeuer. Sie haben – wie in der Steinzeit üblich – keinerlei Vorstellungen und Kenntnisse über Wetterphänomene, sondern sitzen mehr oder weniger verängstigt vor dem Feuer. An der Wand flackern die Schatten. Sie fühlen sich diesen äußeren Mächten ausgeliefert und in Ihnen steigen innere Fantasien und ängstigende Bilder auf.
Wie entstanden die ersten Gottesvorstellungen?
Unkontrollierbare Naturphänomene (Vulkanausbrüche, Gewitter, Sturmfluten, wilde Tiere …) riefen bei den Steinzeitmenschen wahrscheinlich Ängste, Furcht und Gefühle des Ausgeliefertseins hervor, die man wohl versuchte, durch Personalisierungen (die später zu Göttern wurden) zu bannen.
Auch sanftere Naturzyklen, wie das Wechselspiel der Jahreszeiten, führten dazu, dass Vorstellungen, innere Bilder von übergroßen Mächten entstanden: höhere Wesen, Götter, Geister, Teufel, Engel. Manche dieser Mächte wurden als gut und wohlgesonnen erlebt, andere als bösartig und gefährlich.
Und es entwickelte sich in den Gruppen der Steinzeitmenschen der Wunsch nach Besänftigung, Verstehbarkeit und Verbundenheit mit diesen höheren Kräften. So entstanden erste Mythen, Glaubensvorstellungen, Kulte und (Opfer-)Rituale – meist verknüpft mit Gefühlen von Hoffnung, Erlösung, Schutz und Verbundenheit.
Die Anfänge des Bewusstseins
Im Gegensatz zu Tieren haben die damaligen Homo sapiens Anfänge von dem entwickelt, was man heute Bewusstsein nennt – selbst wenn es in der Steinzeit vielleicht erst rudimentär ausgebildet war.
Homo sapiens erlebt mehr oder weniger bewusst, dass sein Ich von der Umwelt getrennt ist. Er beginnt allmählich, in Kausalzusammenhängen zu denken. Es entwickelt sich eine allmähliche Entkopplung von Bedürfnis und Befriedigung. So etwas wie Triebaufschub und Frustrationstoleranz entstehen.
Denn schon ab der Steinzeit mussten unsere Vorfahren so etwas wie ein Zeitgefühl haben und zielorientierende Vorstellungen von der Zukunft entwickeln – um Hypothesen bilden zu können – und an etwas zu glauben.
Z. B. was oder wer wohl diesen Wintersturm verursacht hat und was man tun kann, um diese (fantasierten) Wesenheiten zu besänftigen. Vielleicht können diese Mächte, die man später Götter nennt, durch Opfer gnädig gestimmt werden?
Die frühen Kultformen: Animismus, Totemismus, Schamanismus
Beerdigungsrituale – der Glaube an ein Leben nach dem Tod
Schon um 100.000 v. Chr. gab es vermutlich einfache Begräbnisrituale und es entwickelte sich ein Glaube an eine Existenz über den Tod hinaus (eventuell durch „Seelenwanderung").
Die Neandertaler waren ab 60.000 v. Chr. als erste Hominidengruppe diejenigen, die ihre Toten nicht wie die Tiere einfach liegen ließen, sondern sie in zeremoniellen Bestattungen mit regelrechten Bestattungsriten begruben.
Irgendwann entstand dann auch die Sitte, den Toten Grabbeigaben auf ihre letzte Reise mitzugeben. Zunächst waren es nur kleine Figuren, Nahrungsmittel (zum Über- und Weiterleben im Jenseits) oder einfache Werkzeuge. In der Jungsteinzeit (ab 10.000 v. Chr.) wurden die Grabbeigaben opulenter: Schmuck, keramische Gegenstände, Waffen sollten ihnen wohl helfen, in der „Anderwelt" bestehen zu können.
Das bedeutet: Wenn einem Verstorbenen Gegenstände mit ins Grab gegeben werden, ist das ein Hinweis darauf, dass man in dieser Gemeinschaft an ein (Weiter-)Leben nach dem Tod glaubt.
Vorreligiöse Glaubensformen
Ab 30.000 v. Chr. entwickelten sich – wohl auch unabhängig von Beerdigungen – spirituelle Rituale mit spezifischen Symbolen und Zeichen. Denn die Steinzeitmenschen hatten erste Fähigkeiten zur Symbolisierung entwickelt.
Zu den vorreligiösen Glaubensformen der Vorzeit gehören:
Animismus bedeutet, dass sowohl lebende Wesen als auch unbelebte Objekte eine Seele hätten. Man spricht auch von „Allbeseeltheit". Danach ist die ganze Welt „beseelt" und es geht darum, sich mit den Seelen der ganzen Welt zu verständigen.
Totemismus ist der Glaube an die übernatürliche Kraft eines Totems. Ein Totem ist ein tierisches, pflanzliches oder unbelebtes Wesen, das später von Clans als Stammeszeichen verwendet und verehrt wurde. Es war magisch und emotional besetzt (oder gar heilig) und stand symbolisch oft für einen (Ur-)Ahn oder Verwandten eines Volkes oder Clans.
Schamanismus ist die Bezeichnung von Glaubensvorstellungen und spirituellen Praktiken, die von Schamanen praktiziert wurden. Schamanen sind schon in der Vorzeit wichtige – z. T. sogar heilige – Personen, die vor allem in Stammeskulturen existierten. Diese Frauen und Männer aus dem Clan, die sich darauf verstanden, mit Kräutern und sonstigen Hilfsmitteln zu heilen, galten schon recht früh als besonders wichtige Personen, da ihnen oft die Fähigkeit zugesprochen wurde, einen direkten Draht zur übernatürlichen Welt der Geister und Götter zu haben. Sie verstanden sich als Mittler („Medium") zwischen der sinnlich-körperlichen und der übersinnlich-geistigen Welt.
Schamanismus gilt als die älteste nachweisliche Form des (vor-)religiösen Denkens. Seit dem Jungpaläolithikum (vor ca. 30.000 Jahren) ist Schamanismus nachweisbar.
Höhlenmalereien – die ersten religiösen Kunstwerke
Steinzeitmenschen waren erstaunlich kreative Künstler. Sie pinselten sowohl einzelne Tiere und Jagdszenen als auch überirdische Wesen und fliehende Tierherden auf die Höhlenwände. Es sind inzwischen weltweit mehr als 300 Fundstellen von Höhlenmalereien bekannt.
Die ältesten Felsmalereien wurden unlängst in Indonesien gefunden und sind 45.500 Jahre alt (ein lebensgroßes Wildschwein). In unseren Breiten am bekanntesten sind die Malereien in der französischen Höhle von Lascaux (ca. 20.000 v. Chr.), der Chauvet-Höhle (36.000 v. Chr.) und der spanischen Altamira-Höhle (14.000 v. Chr.).
Vermutlich hing das Malen mit Kulten und Riten zusammen. Nach den damaligen Vorstellungen sind in den Felsbildern wohl die Seelen der dargestellten Wesen erhalten, die durch das Malen, durch das Berühren der Bilder, aber auch durch das Durchführen kultischer Rituale wieder zum Leben erweckt werden konnten.
Sesshaftigkeit und die Geburt komplexer Religionen
Der Übergang zum Ackerbau
Ein Steinmonument auf dem türkischen Berg Göbekli Tepe (ca. 11.500 v. Chr.) lässt auf einen komplexen Totenkult schließen. Göbekli Tepe gehört zu den ältesten Bauwerken der Menschheit weltweit. Sie sind entstanden in einer Zeit, als aus Jägern und Sammlern sesshafte Ackerbauern wurden. Dieser Bau gilt als einer der ältesten Tempelanlagen der Welt, in denen Göttern Opfer gebracht wurden.
Die konkreten und später fixierten Vorstellungen von Göttern entstanden wohl erst, als unsere Vorfahren vor ca. 10.000 Jahren begannen, sesshaft zu werden, also Ackerbau, Fischfang und Viehzucht betrieben.
Je größer die einzelnen Siedlungen jedoch wurden und je mehr Menschen darin lebten, umso mehr wurden daraus regelrechte Dörfer, die eine Infrastruktur entwickeln mussten. Dadurch entwickelte sich auch die Arbeitsteilung: Vorformen der Berufe entstanden (Bauer, Töpfer, Schreiner, Schmied, Medizinmann …). Und das ermöglichte auch, dass ein Teil der Siedler sich mit Religion und Kunst beschäftigen konnte (z. B. Schamanen).
Erst ab da entwickeln sich auch eine stabiler werdende Rollenverteilung im Clan und eine bleibende Hierarchie, in der die Unterschiede zwischen den einzelnen Personen und Sippen mehr oder weniger konkret festgelegt wurden.
Die Entstehung von Städten
Allmählich entstanden die ersten frühen Hochkulturen: Mesopotamien, Kleinasien, Kreta, Ägypten, Indien, China – auch in Süd- und Mittelamerika.
Nach neueren archäologischen Erkenntnissen gab es bereits um 3000 v. Chr. weltweit 15 Städte und städteähnliche Siedlungen. Um 1500 v. Chr. waren es weltweit schon über 100 Städte. Und es lebten schon 67 Mio. Menschen auf der Erde.
Jericho (in Palästina) ist dabei wohl die älteste Stadt der Welt, die durchgehend besiedelt war. Sie wurde bereits ca. 10.000 v. Chr. gegründet.
In der Urbanität entstand eine neue Situation, bei der die Menschen auf engem Raum zusammenlebten. So veränderten sich auch die Götter und es entwickelten sich neue (Vor-)Formen der Religion.
Verschiedene Kulturen = verschiedene Religionen und Götter
Mesopotamien – die ersten Hochkulturen
Mesopotamien bezeichnet ein Gebiet zwischen Euphrat und Tigris und wird deshalb auch Zweistromland genannt. Es liegt zwischen Irak, Syrien und Anatolien. Hier wurden die ersten Hochkulturen gegründet. Es ist die Heimat der Sumerer, die etwa im 5. Jahrtausend v. Chr. in Mesopotamien einwanderten.
Die sumerische Religion gilt als die erste schriftlich fassbare Religion. Sie inspirierte die späteren Kulturen wie die der Akkader, Assyrer und Babylonier. Die sumerischen Götter gehören (neben den ägyptischen) zu den ältesten Göttern, die wir mit Namen kennen.
Die wichtigste Gottheit ist „Enki" („Herr der Erde"). Aber die Sumerer glaubten an viele verschiedene Gottheiten. Neben „Enki" gehörten zu den Hauptgottheiten „An" und „Enlil". Es gab im Grunde aber für jede Naturerscheinung einen Gott oder eine Göttin.
Dabei waren die Priester nicht nur geistige Führer und Gottesdiener, sondern sie verwalteten auch die Stadt als weltliche Führer.
Das alte Ägypten – ein differenzierter Götterhimmel
Bei den Ägyptern gibt es schon einen regelrechten und differenzierten Götterhimmel mit weit über 20 Hauptgöttern und vielen Nebengöttern. Da die Ägypter eine differenzierte Zeichen- und Schriftsprache (Hieroglyphen) entwickelt hatten, sind viele der ägyptischen Götter bereits bekannt:
Atum – der Schöpfergott
Hathor – die Göttin der Liebe und der Schönheit
Aton – der Sonnengott
Horus – der Himmelsgott
Anubis – der Gott mit dem Schakalkopf
Bastet – die Göttin mit dem Katzenkopf
Isis – die Mutter- und Schutzgottheit
Osiris – der Totengott
Etc.
Alle diese Gottheiten stehen für bestimmte Themen und Tätigkeitsfelder und haben ausgewiesene Eigenschaften. Mal sind sie den Menschen wohlgesonnen und helfen, mal sind sie gefährlich oder gar bösartig.
Pharaonen waren als Herrscher des Landes so etwas wie (Halb-)Götter auf Erden, die das Volk leiten und führen sollten.
Echnaton – der erste Monotheist?
Im Jahr 1356 v. Chr. geschah etwas sehr Wichtiges. Amenophis IV leitete in kurzer Zeit einen vollständigen Wechsel der ägyptischen Weltanschauung ein. Um den Einfluss der Priesterschaft zu reduzieren, wurden erst alle Götterkulte verboten und abgeschafft. Es gab seiner Ansicht nur einen Gott (Aton, Sonnengott). Er nannte sich fortan Echnaton.
Er wandte sich damit vollständig vom Polytheismus ab und propagierte – wohl zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte – einen strikten Monotheismus. These: Es gibt nur einen Gott.
Nachdem Echnaton im Jahr 1336 v. Chr. gestorben war, versuchten die nachfolgenden Pharaonen, wieder zur früheren polytheistischen Weltanschauung zurückzukehren. Der Hass v. a. der durch ihn entmachteten Priester auf Echnaton war so groß, dass in der Folge alle Bilder von ihm und seinem Gott Aton zerstört wurden.
Frühes Indien – die Vielzahl der Götter
Hinduismus ist eine große polytheistische Religion. Man spricht von mehreren Tausend hinduistischen Göttern. Die bekanntesten sind:
Brahma = Schöpfer
Vishnu = Bewahrer
Shiva = der Zerstörer
Zusammen gelten diese drei als „Trimurti", die Dreieinigkeit des Göttlichen.
Daneben gibt es aber noch viele andere bekannte hinduistische Gottheiten: Rama, Krishna, Lakshmi, Saraswati, Hanuman (Affengott), Ganesha (Elefantengott) etc.
Die Veden sind heilige Texte, Lieder, Hymnen und rituelle Hinweise, die über mündliche Überlieferungen von alten Lehrern über viele Generationen tradiert wurden. Die Rigveda Samhita entstand im nordwestlichen Indien zwischen 1500 und 1200 v. Chr.
Der Götterhimmel des Olymps: Griechische Götter
Die Religion der antiken Griechen war polytheistisch und es gab eine große Anzahl Götter, die hierarchisch geordnet waren. Nach dem Mythos lebten die höchsten 12 Hauptgötter im Olymp, dem Götterhimmel:
Zeus: Herrscher über die olympischen Götter
Hera: Göttin der Ehe und der Geburt
Demeter: Erd- und Fruchtbarkeitsgöttin
Athene: Göttin der Weisheit
Dionysos: Fruchtbarkeitsgott und Gott des Rausches
Hermes: Götterbote
Aphrodite: Göttin der Liebe und der Schönheit
Apollon: Gott der Jugend und der Weissagungen
Artemis: Jagdgöttin, Geburtsgöttin
Hephaistos: Gott des Feuers und der Schmiedearbeit
Poseidon: Gott des Meeres und der Erdbeben
Ares: Kriegsgott
Allerdings wurde im alten Griechenland mehr und mehr die Religion erweitert durch die Philosophie. Ab ca. 600 v. Chr. gab es einen regelrechten philosophischen Aufbruch, den man die „ionische Aufklärung" nannte. Es entstand die Philosophie der Vorsokratiker: Thales, Anaximander und Anaximenes waren die ersten Vertreter, die sich auch kritisch mit der Religion auseinandersetzten. Später kamen Pythagoras, Parmenides, Anaxagoras, Sokrates, Platon und Aristoteles hinzu, die einen ganz anderen Blick auf die Religionen warfen.
Römische Götter – Import aus Griechenland
Auch die Römer hatten – wie die Griechen – einen umfangreichen Götterhimmel. Nicht nur das – sie „importierten" einen nicht unbeträchtlichen Teil ihrer Götter aus dem griechischen Olymp und etikettierten sie einfach um:
Aus Zeus wurde Jupiter
Hera mutierte zu Juno
Ares wurde zu Mars
Aus Aphrodite wurde Venus
Poseidon wurde Neptun
Athene wurde mit Minerva benannt
Und bei Apollo behielt man sogar den Namen ganz bei
Die Gleichsetzung fremder Götter mit den eigenen wurde zum Charakteristikum für den römischen Umgang mit fremden Kulturen.
Wichtig in der römischen Religion war, dass Kulthandlungen, Rituale und Zeremonien eine große Bedeutung hatten, bei denen die Opferung von Tieren, Pflanzen und anderen Gegenständen eine wichtige Rolle spielten.
Außerdem wichtig ist zu wissen, dass die römische Religion – im Gegensatz zu der griechischen – eine Staatsreligion war, also ein verbindliches Glaubenssystem. Was auch erklärt, dass es später dann mehrere Christenverfolgungen gab.
Der Aufstieg des Monotheismus: Das Christentum
Niemand weiß, wie Jesus Christus wirklich aussah, und trotzdem kursiert eine unendliche Zahl von Bildern über ihn. Jesus hat keinerlei Schriften selbst verfasst und alle Berichte über ihn stammen aus zweiter oder dritter Hand.
Die Geschichte dieses jüdischen Wanderpredigers wurde erst viel später aufgeschrieben und sie ist voller überhöhender Mythen und Wunder. Alle Informationen über ihn basieren auf mündlichen Überlieferungen, die irgendwann (z. B. in den Evangelien) schriftlich fixiert wurden.
Direkt als Gott hat sich Jesus wohl selbst nie bezeichnet, und trotzdem ist er als Gott im kulturellen Gedächtnis der Menschheit geblieben und wurde zum Begründer einer Weltreligion. Wie konnte das passieren?
Wichtige Ereignisse in der christlichen Geschichte:
Ca. 250 v. Chr.: In Palästina wird die griechische Fassung des hebräischen Alten Testaments geschrieben
4 v. Chr.: wahrscheinliches Geburtsjahr von Jesus
29 n. Chr.: wahrscheinliches Datum der Kreuzigung von Jesus
64: Verfolgung der Christen in Rom durch Nero
Um 65: Entstehung des 1. Evangeliums (Markus)
325: Konzil von Nicäa legt zentrale Grundlagen der christlichen Lehre fest (erst ab diesem Datum wird Jesus durchgehend als Gott angesehen)
337: Konstantin der Große konvertiert noch auf dem Sterbebett zum Christentum
401: Papst Innozenz I. beansprucht für die römische Kirche die weltweite Oberherrschaft
484–519: erstes Schisma zwischen West-(römischer) und Ost- (später orthodoxer) Kirche
772: Karl der Große erklärt das Christentum zur Religion der Franken
1096–1099: 1. Kreuzzug (von insgesamt 7)
1517: Beginn der Reformation durch Martin Luthers 95 Thesen
1618–1648: 30-jähriger Glaubenskrieg zwischen Katholizismus und Protestantismus
17.07.1870: 1. Vatikanisches Konzil: Ab diesem Zeitpunkt gilt der Papst als unfehlbar (wenn er „ex cathedra" spricht)
Was uns die Geschichte der Religionen lehrt
Wenn wir die Entwicklung der Religionen von der Steinzeit bis heute betrachten, sehen wir ein klares Muster:
Religion entsteht aus dem Bedürfnis nach Erklärung und Kontrolle – unkontrollierbare Naturkräfte werden personalisiert und durch Rituale „gebändigt"
Je komplexer die Gesellschaft, desto komplexer die Religion – von einfachen Naturgeistern über vielschichtige Götterwelten bis hin zum abstrakten Monotheismus
Verschiedene Kulturen entwickeln verschiedene Götter – jede Kultur formt ihre Götter nach ihren eigenen Bedürfnissen, Ängsten und Hoffnungen
Religion ist evolutionär – Götter kommen und gehen, Religionen entstehen, verändern sich und verschwinden wieder
Das menschliche Gehirn ist prädisponiert für religiöses Denken – die Fähigkeit zur Symbolisierung, zum Kausaldenken und zur Zeitvorstellung macht Religion möglich
Die Geschichte der Religionen ist letztlich die Geschichte des menschlichen Bewusstseins. Sie zeigt uns, wie wir als Spezies versuchen, die Welt zu verstehen, dem Leben Sinn zu geben und unsere existenziellen Ängste zu bewältigen.
Werner Gross / Psychotherapeut, Coach und Autor
Mehr dazu siehe: Meinetwegen – nenn es Gott - Sinn und Unsinn von Religion und Religiosität (Springer-Verlag)