
Tränen lachen — Darf man in der Trauer lachen?
Warum Humor im Angesicht des Todes keine Respektlosigkeit ist — sondern oft das Ehrlichste, was wir haben
„Das Leben hört nicht auf lustig zu sein, wenn Menschen sterben. Ebenso bleibt es ernst, wenn Menschen lachen."
— George Bernard Shaw
Stellen Sie sich vor: Sie sitzen in der Kirche. Die Trauermusik spielt. Und plötzlich — aus einem ganz anderen Grund, vielleicht ein Wort, eine Erinnerung, eine absurde Assoziation — bricht ein Lachen aus Ihnen heraus. Unwillkürlich. Unkontrollierbar. Und sofort kommt die Scham: Wie kann ich jetzt lachen?
Ich sage Ihnen: Sie können. Und manchmal müssen Sie es sogar.
Die schweigende Erwartung der Trauer
Wenn jemand stirbt, weiß jeder unausgesprochen, was erwartet wird: Traurige Mienen. Gedrückte Stimmung. Langsames Sprechen, schwere Schritte, gedämpfte Farben. Gerade im mitteleuropäischen Raum ist Trauer eine zutiefst ernste, feierliche Angelegenheit — und das Lachen wirkt wie ein Regelverstoß.
Dabei vergessen wir etwas Wesentliches. Wer einen wichtigen Menschen verloren hat, wagt manchmal kaum noch zu lachen — als wäre das Lachen ein Verrat am Verstorbenen. Dabei kann Humor gerade in der Trauer extrem befreiend sein. Er ist eine Auszeit vom Schmerz. Er macht das Leid wenigstens für kurze Zeit erträglich.
Das unwillkürlich herausplatzende, peinliche Lachen in der Kirche oder auf der Beerdigung ist kein Zeichen von Respektlosigkeit. Es ist ein Überdruckventil — ähnlich wie der üppige Alkoholgenuss bei manchem Leichenschmaus, der die Zunge lockert und versucht, die Schwere der Trauer wenigstens für ein paar Minuten abzuwerfen. Der Körper sucht Entlastung. Das ist menschlich. Das ist gesund.
Humor als Coping-Strategie
In der Psychologie nennen wir das Coping — die Art und Weise, wie Menschen mit schwierigen Situationen umgehen. Und Humor ist dabei, wenn man ihn richtig versteht, eine der unterschätzten Ressourcen.
„Humor ist, wenn man trotzdem lacht", sagt ein deutsches Sprichwort. Und der amerikanische Schriftsteller William Saroyan hat es so formuliert: „Mit dem Humor ist es wie mit den Austern: Eine Perle setzt eine kleine Wunde voraus."
Trauer ist so eine Wunde. Und manchmal wächst gerade dort eine Perle.
Die Ausbildung zum Hinterbliebenen — und das ist sie, ob man will oder nicht — ist mit seelischen Schmerzen verbunden, die nicht leicht zu tragen sind. Humor kann ein Schutzfaktor sein. Wer ironische Distanz entwickeln kann, hat oft schon einen Teil des Weges bewältigt. Wenn jemand sagt: „Mein Mindesthaltbarkeitsdatum ist abgelaufen" — oder wenn ein Krebskranker als Handyklingelton „Spiel mir das Lied vom Tod" eingestellt hat — dann ist das kein Zeichen von Gleichgültigkeit. Es ist ein Zeichen von Stärke. Von gelebter Selbstironie. Von der Fähigkeit, sich von der eigenen schwierigen Lage zu distanzieren, ohne sie zu verdrängen.
Victor Frankl, der österreichische Begründer der Logotherapie und selbst Überlebender des Holocaust, hat es auf den Punkt gebracht: „Nichts lässt den Patienten sich mehr von sich selbst distanzieren, als der Humor."
Der wichtige Unterschied: Humor ist nicht Zynismus
Hier muss man allerdings sorgfältig unterscheiden. Denn Humor kann auch als Waffe eingesetzt werden — gegen Trauernde, gegen Schwache, gegen Menschen in Not. Das ist dann kein Humor mehr. Das ist Zynismus. Sarkasmus. Kälte, die sich als Witz verkleidet.
Echten Humor erkennt man daran, dass er verbindet statt zu verletzen. Es gibt versöhnlichen Humor. Mitfühlenden Humor. Selbstironie. Galgenhumor. Schwarzen Humor. Jede dieser Formen hat ihren Platz — aber immer mit dem Ziel, die Last zu teilen, nicht zu beschweren.
„Wo der Spaß aufhört, beginnt der Humor", hat mal ein kluger Mensch gesagt. Das klingt zunächst paradox. Aber es stimmt: Echter Humor entsteht nicht aus Leichtigkeit, sondern aus Tiefe. Er erfordert Mut. Mut, das Schwere anzusehen — und trotzdem zu lachen.
Was die Witze verraten
Harald-Alexander Korp hat in seinem Buch „Am Ende ist nicht Schluss mit lustig — Humor angesichts von Sterben und Tod" eine bemerkenswerte Sammlung zusammengestellt: Schicksalsbeschreibungen, Sinnsprüche, eine sogenannte „Humor-Anamnese" — und ja, auch schwarze Witze. Nicht um den Tod lächerlich zu machen. Sondern um zu zeigen: Auch hier ist Humor möglich. Auch hier hat die Seele Spielraum.
Ein paar Beispiele:
Als der Arzt zum Patienten sagt: „Sie sind todkrank", fragt dieser verzweifelt: „Wie lange noch?" Der Arzt sagt: „Zehn." Der Patient: „Zehn was? Jahre, Wochen, Tage?" Der Arzt: „Neun, acht, sieben..."
„Humor trotz(t) Tumor."
„Nein danke, wir sterben nicht", sagt die Hausfrau, als der Tod vor der Haustür steht.
„Oben klar und unten dicht, lieber Gott, mehr will ich nicht."
Die Friedhöfe sind voll von Leuten, die sich für unersetzbar hielten.
„Du warst auf der Beerdigung von Peter?" — „Ja, aber sehr beliebt war er nicht. Ich war der Einzige, der geklatscht hat."
Am Ende wird jedes Leben mit dem Tode belohnt — oder bestraft.
„Unsterblichkeit ist nicht jedermanns Sache", soll Goethe gesagt haben.
Nur ein Buchstabe unterscheidet zwischen einem bösartigen Humor und einem bösartigen Tumor.
Man muss über diese Witze nicht lachen. Aber man darf. Und wer lacht, merkt vielleicht: Dieser kurze Moment der Leichtigkeit ist kein Verrat an der Trauer. Er ist Teil von ihr.
Humor ist eine Haltung — keine Gabe
Was ich in jahrzehntelanger therapeutischer Arbeit beobachtet habe: Humor ist keine Frage der Veranlagung. Er ist eine Lebenshaltung. Manche Menschen haben sie — und die anderen können sie entwickeln.
Das bedeutet nicht, dass man immer lachen muss. Oder dass Trauer aufgehört hätte, Trauer zu sein. Es bedeutet, dass man auch im Schwersten noch wählen kann, wie man damit umgeht. Dass die Seele auch dort Spielraum hat, wo man ihn kaum erwartet.
George Bernard Shaw hatte also recht: Das Leben hört nicht auf, lustig zu sein, wenn Menschen sterben. Es bleibt beides gleichzeitig — der Schmerz und das Lachen. Die Tränen und der Humor. Das Eine schließt das Andere nicht aus. Es hält es aus.
Und vielleicht ist genau das, was wir in der Trauer am meisten brauchen: Nicht die Kraft, das Schwere wegzuschieben — sondern die Kraft, es auszuhalten. Mit allen Gefühlen, die dazugehören. Auch dem Lachen.